Apothekerkammerwahl 2017 - Präsidentin ARGE


 

pharmazie sozial: Frau Mag. Kirchdorfer, was ist die Aufgabe der Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Krankenhausapotheker?

Mag. Kirchdorfer: Die Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Krankenhausapotheker ist ein Zweigverband des Verbandes Angestellter Apotheker Österreichs (VAAÖ), der kollektivvertragsfähigen Interessenvertretung aller angestellten Apotheker in Österreich. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Förderung der Zusammenarbeit und Kollegialität, die berufliche Fortbildung, die Nachwuchsförderung, die Öffentlichkeitsarbeit und die Förderung internationaler Kontakte im Bereich Krankenhauspharmazie.
Wir bieten eine konsequente Vertretung der Interessen der Krankenhausapotheker, indem wir unter anderem in Ausschüssen und Arbeitsgruppen mitarbeiten. Darüber hinaus bieten wir eine erweiterte Berufshaftpflichtversicherung an, aber auch den gezielten Informationsaustausch mit Kollegen über ein eigenes Mailforum, das Intranet oder Fachveranstaltungen oder die kostenlose Zusendung des European Journal of Hospital Pharmacy. Eine Rechtsberatung und die Mitgliedschaft bei der EAHP (European Association of Hospital Pharmacists) ergänzen das Angebot.

pharmazie sozial: Welche Rolle spielen klinisch-pharmazeutisch tätige Apotheker im Gesundheitswesen?

Mag. Kirchdorfer: Wird ein Patient nach Hause entlassen, so erlebt er die deutlichste Schnittstelle zwischen der Krankenhauspharmazie und dem niedergelassenen Arzt bzw. der öffentlichen Apotheke. Das Medikationsmanagement und die Abstimmung mit dem extramuralen Bereich sind wichtig, um Wiederaufnahmen zu verhindern, denn immerhin finden sechs bis zehn Prozent der Spitalsaufnahmen in Österreich aufgrund von unerwünschten Arzneimittelwirkungen statt.
Eine wichtige Rolle spielen wir aber auch bei der Aufnahme in ein Krankenhaus, wo wir mehr und mehr in die Medikationsanalyse und das pharmazeutische Aufnahmemanagement involviert sind. Die Hausmedikation wird modifiziert und eine kontinuierliche Betreuung nach einem Medikationsplan setzt ein. Dieser Versorgungskreislauf rund um den Patienten bezieht sich gleichermaßen auch auf Pflegeheime, Tageskliniken oder Primärversorgungseinheiten oder Selbsthilfegruppen und Ambulatorien, auch wenn hier noch vieles Zukunftsmusik ist. Ich bin überzeugt, dass klinisch-pharmazeutisch tätige Apotheker künftig nicht nur im Krankenhaus eingesetzt, sondern im Idealfall in den gesamten Behandlungsprozess eingegliedert werden. Vor allem der demografische Wandel und die Spardiskussion im Gesundheitswesen werden dazu führen, dass das niederschwellige Beratungsangebot über Apotheken immer wichtiger werden wird.

pharmazie sozial: Was macht das Spektrum der Krankenhausapotheker so vielfältig? Wo liegt konkret der Unterschied zu den öffentlichen Apotheken?

Mag. Kirchdorfer: Wir haben einerseits einen Versorgungsauftrag im Spital, in dem wir im Rahmen der Arzneimittelkommission nach medizinischen, pharmazeutischen und ökonomischen Aspekten Arzneimittel für die Arzneimittelliste auswählen, einkaufen, das Lager verwalten und die Verteilung im Haus übernehmen. Dazu kommt die Verantwortung für die enterale und parenterale Ernährung, medizinische Gase, Verbandsstoffe, Desinfektionsmittel, Blut und Blutprodukte, Diagnostika sowie Infusionen. Wir stellen für den speziellen Patientenbedarf Medikationen her und bereiten Zytostatika, Schmerzmedikationen, Antibiotika und andere Arzneimittel in individuellen Dosen vor. Natürlich sind wir auch in klinische Studien involviert und arbeiten im Krankenhaus in den Hygiene-, Wund-, Antibiotika- und Ernährungsteams sowie in verschiedenen Arbeitsgruppen mit.
Klinisch-pharmazeutisches Service direkt auf der Station oder im Rahmen von interdisziplinären Boards ist mittlerweile ein wichtiges Standbein der Krankenhauspharmazie geworden und wird zunehmend nachgefragt. Arzneimittelinformation sowie Schulungen und Beratung aller Berufsgruppen im Krankenhaus runden das Spektrum ab.
Diese vielfältigen Aufgaben zeigen schon, dass eine kontinuierliche Ausund Weiterbildung eine zentrale Voraussetzung für unsere Tätigkeit ist, sie sind aber auch Ausdruck der Notwendigkeit, hier hochqualifiziertes Personal einzusetzen.

pharmazie sozial: Welche Anforderungen werden an die Aus- und Weiterbildung gestellt?

Mag. Kirchdorfer: Seit 2004 ist bei der Österreichischen Apothekerkammer eine postgraduelle Weiterbildung zum Fachapotheker für Krankenhauspharmazie eingerichtet. Im Anschluss an das Pharmaziestudium und die Aspirantenausbildung sind im Rahmen einer dreijährigen Tätigkeit in einer Krankenhausapotheke Weiterbildungsveranstaltungen im Gesamtausmaß von 240 Unterrichtseinheiten zu besuchen, die den drei Bereichen Klinische Pharmazie, Herstellung von Arzneimitteln und Management zugeordnet sind. Dazu sind eine Fachbereichsarbeit anzufertigen und eine Prüfung zu absolvieren. Der erfolgreiche Abschluss der Weiterbildung berechtigt zum Führen des Titels „Fachapotheker für Krankenhauspharmazie (aHPh)“.
Von seiten der Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Krankenhausapotheker versuchen wir neben den anderen Angeboten zumindest dreimal im Jahr kostenlose Workshops speziell für Klinische Pharmazie anzubieten. Die Fortbildungen sind immer sehr rasch ausgebucht, weil es wenige Angebote in diese Richtung gibt. Es ist uns auch gelungen, die Clinical Pharmacy Conference als Fortführung der Clinical Pharmacy Week zu erhalten, das ist eine sehr hochwertige Fortbildung für unser Fach mit internationalen Referenten.
Derzeit sind wir auch dabei, einen internationalen Lehrgang für Klinische Pharmazie nach Österreich zu holen, der gemeinsam mit der Robert Gordon University Aberdeen ab 2018 abgehalten wird. Es gibt derzeit nur wenige Anbieter in Europa und Aberdeen hat hohe Expertise im Online-Learning. Der zeitliche und finanzielle Einsatz ist dennoch enorm, daher sondieren wir auch die Möglichkeit von Stipendien. Ich denke, dass es sehr wichtig für den Berufsstand ist, dass wir möglichst rasch einen Pool an hochqualifizierten Kollegen aufbauen. Wenn die Wahrnehmung der Bedeutung der Krankenhausapotheker in der Öffentlichkeit steigt, können wir auch aktiv dazu beitragen, das andere Gesundheitspersonal zu entlasten und die Qualität der Therapie zu steigern. Dann kommt es zu einer Win-win-win-Situation für alle Beteiligten – insbesondere für die Patienten.

pharmazie sozial: Welche Trends orten Sie im Hinblick auf diese Tätigkeitsvielfalt – werden die Anforderungen mehr oder weniger werden?

Mag. Kirchdorfer: Ich denke, dass im Rahmen der Übernahme von delegierbaren Tätigkeiten zur Entlastung des fasmedizinischen Personals auch auf unsere Expertise vermehrt zurückgegriffen werden muss. Wir sind jetzt schon in die Schulung von Ärzten und Gesundheitspersonal involviert, etwa im Umgang mit Zytostatika oder bei Rezeptierkursen für junge Ärzte und veranstalten Vorträge zu bestimmten Themenkreisen der Medikation.

pharmazie sozial: Gibt es ausreichend klinisch-pharmazeutische Apotheker, die diese Aufgaben übernehmen können?

Mag. Kirchdorfer: Derzeit haben wir rund 350 Krankenhausapotheker in Österreich. Wir liegen mit 0,7 Krankenhausapothekern pro 100 Betten unter dem europäischen Durchschnitt, der bei 1,2 liegt. Ich warne aber davor, den Bettenschlüssel als einzige Maßzahl zu nehmen, denn der Trend geht zu Tageskliniken, wo Krankenhausapotheker noch mehr gefordert sind, rasch und patientennah zu arbeiten, ohne dass sich das in der Bettenzahl niederschlägt. Besser wäre, eine Korrelation zwischen den Leistungen des Krankenhauses und den daraus resultierenden pharmazeutischen Services herzustellen.
Wir sind in Österreich eine sehr kleine Gruppe an Krankenhausapothekern und noch weniger davon im klinisch-pharmazeutischen Service. Derzeit ist zu beobachten, dass die Krankenhausapotheken eher schließen und in große Logistikzentren integriert werden, doch das deckt nur einen kleinen Aspekt der vielfältigen Aufgaben ab. Gleichzeitig wurden aber bestehende Krankenhausapotheken umfassend modernisiert. Die Reduktion der Krankenhausapotheken insgesamt birgt natürlich die Gefahr, dass die Unmittelbarkeit des pharmazeutischen Services verloren geht.

pharmazie sozial: Wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell die großen Herausforderungen, denen durch eine aktive Standesvertretung zu begegnen ist?

Mag. Kirchdorfer: Wir müssen noch intensiver an der Implementierung klinisch-pharmazeutischer Services arbeiten und dessen Vorteile in Hinsicht auf Behandlungsqualität und Medikationssicherheit hervorheben. In den Einrichtungen selbst wird uns vor allem die Umsetzung der Fälschungsrichtlinie beschäftigen, die in den nächsten zwei Jahren ein System erforderlich macht, das die Verifizierung der Produkte gemäß der Richtlinie ermöglicht.

pharmazie sozial: Pflegen Sie auch internationale Kontakte?

Mag. Kirchdorfer: Wir tauschen uns intensiv mit der European Association of Hospital Pharmacists (EAHP) aus, die mehr als 19.000 Spitäler in 35 europäischen Ländern repräsentiert. Gemeinsam arbeiten wir an Strategien, um die Wahrnehmung unseres Berufsstandes in der Öffentlichkeit zu verbessern. Auf der EAHP-Seite gibt es zum Beispiel ein sehr ansprechendes Imagevideo, das ich mir auch für Österreich wünschen würde.
Bereits 2014 wurden von der EAHP 48 Statements zur Krankenhauspharmazie in Europa erstellt, die als abgestimmte Ziele und Visionen zur Entwicklung der europäischen Krankenhauspharmazie verstanden werden. Sie bilden ein ehrgeiziges Argumentarium, wohin sich die Krankenhauspharmazie in Europa entwickeln könnte.

pharmazie sozial: Stichwort „Öffentlichkeitsarbeit“ – welche Pläne gibt es hier?

Mag. Kirchdorfer: Wir versuchen seit Jahren, im österreichischen Strukturplan Gesundheit Fuß zu fassen. Da kommt der Krankenhausapotheker praktisch nicht vor, der einzige Hinweis ist die Formulierung „Zytostatikawerkbank“.
Apotheken werden in der Öffentlichkeit zu sehr als Handelsunternehmen wahrgenommen und viel zu wenig als Serviceeinrichtung. Langsam kommt es zumindest bei den Sozialversicherungen zu einem Umdenken, aber von einer Abgeltung unserer Beratungsdienstleistung sind wir weit entfernt. Die Finanzierung wird über die Abgabe von Medikamenten berechnet, Service muss kostenlos mitgeliefert werden. Wenn aber die Beratung immer wichtiger wird, muss auch in Fachpersonal investiert werden, und das kostet nun einmal Geld.
Andere europäische Länder gehen hier schon einen anderen Weg; in Großbritannien zum Beispiel haben die Apotheker eine wichtige Rolle bei der Beratung von Selbsthilfegruppen oder in Gesundheitszentren. Wir müssen hier zu mehr Offenheit zwischen den Berufsgruppen kommen und die multidisziplinäre Zusammenarbeit im Alltag auch leben.

pharmazie sozial: Das Jahr ist noch jung – welche Wünsche haben Sie an die Gesundheitspolitik 2017?

Mag. Kirchdorfer: Wichtig ist mir – wie bereits erwähnt – die verstärkte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und damit ein Imagegewinn für unsere Tätigkeit im Gesundheitswesen.
Ein großes Thema ist auch die Durchsetzung der Abgeltung der Fachapothekerausbildung. Hier ist es uns zwar gelungen, diese im Kollektivvertrag zu verankern, doch die Abgeltung ist, abhängig vom Träger oder der Gesundheitseinrichtung, noch nicht einheitlich durchgesetzt.

 

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