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30.10.2019

Der FIP-Kongress 2019 in Abu Dhabi

Impfen in der Apotheke: in vielen Länder bereits Realität

von Mag. Teresa Ditfurth, Mag. Norbert Valecka und Mag. pharm. Raimund Podroschko

Über 26 Infektionskrankheiten können durch Schutzimpfungen verhindert werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass dadurch jedes Jahr zwischen zwei und drei Millionen Leben gerettet werden. Weitere 1,5 Millionen Menschenleben könnten durch eine Erhöhung der Durchimpfungsraten gerettet werden.  

Weltweit dürfen Apotheker bereits in 27 Ländern Impfungen durchführen. An dieser Stelle möchten wir ihnen einen internationalen Überblick über Erfahrungen und Hürden, und wie diese überwunden wurden, bieten.

In den USA konnte eine Durchimpfungsrate von 70 Prozent bei der Grippeimpfung erreicht werden; ohne den Einsatz der Apotheker wäre dies niemals möglich gewesen.

EIN ERFAHRUNGSBERICHT AUS DEN USA

„In den 1990er-Jahren waren die Impfraten in den USA viel zu niedrig, die Regierung musste etwas tun,“ erklärte Mitchel C. Rotholz, Chefstratege der größtes Apothekerorganisation APhA bei einer Diskussionsrunde. Ab 1996 durften daher Apotheker in 14 Bundesstaaten Grippeimpfungen durchführen, mittlerweile ist es ihnen im gesamten Land erlaubt. Aktuell haben 340.000 Apotheker die Ausbildung zur Befähigung für die Durchführung von Impfungen erfolgreich abgeschlossen. Je nach Bundesstaat dürfen Apotheker auch eine Reihe anderer Impfungen vornehmen. Das Ziel einer Durchimpfungsrate von 70 Prozent bei der Grippeimpfung konnte heuer beinahe erreicht werden; ohne den Einsatz der Apotheker wäre dies niemals möglich gewesen.

Vor der Einführung hatten viele Apotheker Bedenken, ob sie überhaupt impfen wollen, erzählte der Apotheker, der die erste Impfung in den USA vornahm. Mittlerweile hat sich dies geändert: Bereits 80 Prozent der angestellten Apotheker sind der Ansicht, dass sie impfen wollen und dies auch können. Ein großes Problem ist jedoch, dass nicht ausreichend Personal in den Apotheken vorhanden ist, was auch dazu führt, dass fast keine Zeit für Impfungen zur Verfügung steht. Eine Evaluierung hat ergeben, dass die Aufklärung des Patienten sowie die eigentliche Impfung durchschnittlich fünf Minuten in Anspruch nehme. Ab 150 Impfungen pro Woche lohne es sich bereits, einen Vollzeit-Apotheker zu beschäftigen.

Laut dem Apothekerverband AphA wird „Impfen“ besser entlohnt als die Arzneimittelabgabe. Die Apotheke erziele mit der Abgabe des Impfstoffes einen kleinen Gewinn, dazu komme noch eine Gebühr von 15 bis 25 Dollar pro Impfung. Diese Gebühr wird je nach Versicherungsstatus entweder direkt vom Patienten oder von dessen Versicherung bezahlt. Die Ärzte erhalten in etwa dieselbe Entlohnung. Selbstverständlich war der Widerstand der Ärzte anfangs groß, sie befürchteten Patienten zu verlieren. Diese Angst stellte sich jedoch als unbegründet heraus, da sich die Impfraten durch Ärzte ebenfalls erhöhten: Grund dafür war, dass das Bewusstsein für den Nutzen von Schutzimpfungen durch die Apothekenkampagnen generell angestiegen war.

Diskussion: Welche Maßnahmen empfehlen Sie, um Impfen in der Apotheke zu etablieren?

Der Impfexperte Hogue gab die Empfehlung ab: „Bilden Sie jetzt schon Pharmaziestudenten entsprechend aus, dann sind Sie bereit, wenn es Ihre Regierung auch ist.“ APhA-Chefstratege Rotholz empfahl, auf lokaler Ebene aktiv zu werden: „Sprechen Sie mit Ärzten in Ihrer Umgebung, erklären Sie die Vorteile für beide Berufe und das Patientenwohl im persönlichen Gespräch.“ Außerdem sollten Apotheker Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Asthma direkt auf die Grippeimpfung aufmerksam machen, ergänzte Hogue. Die Apotheke besteche dabei durch ihren niedrigschwelligen Zugang, den engen Patientenkontakt und das Vertrauen, das viele Patienten in Apotheker haben. Die Apotheke kann jederzeit Impfungen durchführen – ohne Termine und Wartezeiten. Dies sei ein echter Benefit gegenüber den Arztpraxen. Auf den Hinweis, dass es aber ein Sicherheitsrisiko gebe, Impfungen durchzuführen, konterte der Impfexperte Hogue, dass es bei 2,5 Millionen verabreichten Grippeimpfungen höchstens zu einer anaphylaktischen Reaktion komme. In Frankreich und Saudi-Arabien seien solche Fälle in Apotheken noch gar nicht aufgetreten. In den USA habe es in 20 Jahren nur sehr wenige Fälle gegeben. Für den Fall der Fälle muss Epinephrin vorrätig gehalten werden, um im Notfall rasch reagieren zu können. „Das Training und die Vorbereitung sind sehr wichtig, um im Notfall schnell reagieren zu können, auch wenn ein solcher sehr unwahrscheinlich sei.“ Alle Diskussionsteilnehmer bestätigten, dass sich die Apotheker nach der Absolvierung ihrer Ausbildung kompetent und sicher fühlen. In Zukunft könnte es noch einfacher für Apotheker werden: Es wird bereits an Impfpflastern und schmerzfreien Mikronadeln gearbeitet. Mit der Marktreife ist jedoch leider erst in ein paar Jahren zu rechnen.

Den diesjährigen FIP-Kongress besuchten 2.600 Teilnehmer aus mehr als 115 Ländern.

IRLAND: … BEREITS SEIT LÄNGEREM NORMALITÄT

In Irland sind Apotheker umfassend in das Impfprogramm des Gesundheitsdienstes eingebunden. Bereits seit 2011 dürfen Apotheker Grippeimpfungen verabreichen. Seit 2015 wurde ihre Kompetenz auch auf die Pneumokokken- und Gürtelroseimpfung erweitert. Der Impfstoff wird den Apotheken gratis von der Gesundheitsbehörde zur Verfügung gestellt. Je nach Vertrag erhalten die Apotheker bis zu 15 Euro pro Impfung von der Versicherung. Über 64 Prozent der irischen Apotheken bieten diesen Service bereits an. Schon im ersten Jahr wurden 9.000 Personen in der Offizin geimpft. In der Grippesaison 2014/15 waren es schon weit mehr als 50.000 Personen. Seit Einführung der Grippeimpfung hat kein einziger Patient einen anaphylaktischen Schock in der Apotheke erlitten.

Mehrere Erhebungen wurden bereits zu dem Service durchgeführt, diese belegen u.a., dass Patienten, die sich in der Apotheke impfen lassen, zu anderen Personengruppen zählen als solche, die für eine Impfung den Allgemeinmediziner aufsuchen. Die Allgemeinmediziner verloren keine Patienten, stattdessen stieg die Impfrate bei ihnen ebenfalls an. Auf die Frage, warum sie sich für eine Impfung in der Apotheke entschieden, sagte im Jahr 2016 fast die Hälfte der Geimpften „weil es praktisch ist“. 28 Prozent meinten, weil sie dort nicht so lange warten müssten. 95 Prozent waren sehr zufrieden, und fast alle würden wieder zum Impfen in die Apotheke kommen.

FRANKREICH: GRIPPEIMPFUNG

Frankreichs Apotheker erhielten erst kürzlich zusätzliche Kompetenzen im Bereich der Prävention; sie dürfen nun auch Grippeimpfungen durchführen. Erstmals durften Apotheker in der Grippesaison 2017/18 in zwei Regionen impfen. Die Durchimpfungsrate stieg in diesen Regionen massiv an, weshalb das Pilotprojekt in der Saison 2018/19 auf zwei weitere Regionen ausgedehnt wurde. Zusätzlich wurde auch die Impfpopulation erweitert: Nun dürfen Apotheker auch volljährige Personen, für die die Grippeimpfung empfohlen wird, und Erstimpfungen vornehmen. Außerdem wurden auch Schwangere, immunsupprimierte Personen und solche mit Störungen der Blutgerinnung einbezogen. Bereits im Dezember 2018 kristallisierte sich heraus, dass Impfen in der Apotheke sehr gut von der Bevölkerung angenommen wird. Mitte Jänner gab die französische Apothekerkammer bekannt, dass bereits 700.000 Grippeimpfungen in den rund 6.700 Apotheken vorgenommen wurden. Impfen durften nur Apothekenbesitzer und deren Stellvertreter. Eine vorherige Schulung mit einem theoretischen und einem praktischen Teil musste dafür absolviert werden. Während der Pilotphase bekamen die Apotheker den Impfstoff nur vergütet, wenn ein Rezept oder eine Bescheinigung der Kostenübernahme durch die Krankenversicherung vorgelegt werden konnte. Personen, die sich in der Apotheke impfen lassen wollten, mussten dem schriftlich zustimmen. Mit der nächsten Impfkampagne ab Oktober 2019 soll die Grippeimpfung in allen Apotheken Frankreichs möglich sein.

Ein paar Fragen sind jedoch laut dem Verband der pharmazeutischen Gewerkschaften Frankreichs (FSPF) noch zu klären. Die Gewerkschaften wünschen sich nämlich generell mehr Flexibilität, beispielsweise für die Anmeldung von Apotheken zu diesem Service. Außerdem sehen sie es als unrealistisch an, dass die Geimpften 15 Minuten nach der Impfung in der Apotheke unter Beobachtung stehen müssen. Mit den Krankenversicherungsträgern wurde ein Honorar der Impfleistung von 6,30 Euro (ohne Steuern) pro Impfung ausverhandelt. Kaum gestartet, denkt man in Frankreich bereits darüber nach, dass Angebot auf weitere Schutzimpfungen auszudehnen.

(v.l.n.r.: Stefan Deibl, Raimund Podroschko, Teresa Ditfurt, Leopold Schmudermaier, Norbert Valecka)

MEILENSTEINE


1983 Argentinien
Rechtliche Anforderungen für Impfen in der Apotheke wurden geschaffen.

1991 Südafrika
Private Institutionen bieten bereits Ausbildungsprogramme für Apotheker an.

1994 USA
Apotheker absolvieren Ausbildungen, um künftig impfen zu können.

1998 USA
14 Staaten erlauben Impfen in der Apotheke.

2002 Großbritannien
Apotheker werden autorisiert, Impfungen durchzuführen.

2007 Portugal
Das Aufgabengebiet der Apotheker wird um den Punkt impfen erweitert.

2008 Portugal
Apotheker werden bereits in der Durchführung von Impfungen ausgebildet.

2009 USA
Alle 50 Staaten erlauben Apothekern zu impfen.

2011 Irland
Apotheker erhalten die Möglichkeit, Grippeimpfungen durchzuführen.

2012 Portugal
Verpflichtender elektronischer Impfpass wird eingeführt.

2014 Australien
In Queensland startet das Pilotprojekt.

2014 Philippinen
Apotheker erhalten die Befähigung zu impfen.

2015 Schweiz
Zwei Kantone ermöglichen das Impfen; vier weitere folgen noch im selben Jahr.

2016 Australien
Alle Staaten dürfen impfen.

2016 USA
Immunisierung wird Bestandteil des Pharmazie-Curriculums.

2017 Schweiz
Es ist geplant, das Ausbildungsprogramm für die Befähigung zum Impfen bereits im Grundstudium zu implementieren.

2017 Frankreich
In zwei Pilotregionen wird die Grippeimpfung von Apothekern durchgeführt.

2017 Israel
Die Grippeimpfung ist in der Apotheke erlaubt.

2017 Brasilien
Impfen durch den Apotheker wird gesetzlich verankert.

2019 Frankreich
Impfen in den Apotheken wird gesetzlich geregelt.

FIP LAUNCHES VACCINES ADVOCACY TOOLKIT

Während des Kongresses veröffentlichte die FIP ein „Toolkit“, das dabei helfen soll, Impfen in der Apotheke auf nationaler Ebene durchzusetzen. Anhand von Beispielen werden der Mehrwert dieses Services für die Gesundheitssysteme dargestellt und Argumente geliefert, welche die Bedeutung der Apotheker bei Impfungen hervorheben.

Wenn Apotheker in die Immunisierung der Bevölkerung integriert werden, sind folgende Vorteile belegt: Zugänglichkeit/Versorgung; Impfraten/Abdeckung; öffentliche Akzeptanz/Vertrauen/Unterstützung. Der Zugang zu allgemeiner und beruflicher Weiterbildung ist als Schlüssel für die Implementierung dieser Dienstleistung anzusehen.

Die wahrgenommene Wettbewerbsbedrohung anderer Gesundheitsberufe, die Impfdienste anbieten, nimmt ab, bleibt jedoch in den meisten Ländern eine der größten Herausforderungen bei einer Implementierung. In einigen Ländern konnte dieser Irrglaube bereits widerlegt werden, da die Impfrate bei Einführung nicht nur in Apotheken anstieg, sondern gleichzeitig auch bei Ärzten. Empfohlen wird ein verstärktes Lobbying über den bekannten Nutzen für die öffentliche Gesundheit, vor allem durch gezielte Kampagnen.

Während des Kongresses veröffentlichte die FIP ein „Toolkit“ als Unterstützung, um Impfen in der Apotheke auf nationaler Ebene durchzusetzen.

FAKTEN ZUR FIP

Die Fédération Internationale Pharmaceutique (FIP) umfasst 140 Mitgliederorganisationen und vertritt über vier Millionen Apotheker und Arzneimittelexperten weltweit. Gegründet wurde die FIP im Jahr 1912; sie hat ihren Sitz in Den Haag (Niederlande). Das Ziel der FIP besteht darin, die Gesundheit der Menschen rund
um den Globus durch fortschrittliche Methoden im Apothekeralltag zu verbessern. Die FIP will das Ansehen der Apotheker in der Welt stärken, den Beruf zukunftsfähig machen und den Austausch von Best-Practice-Modellen vorantreiben. Ein wichtiges Anliegen ist
auch die Entwicklung honorierter pharmazeutischer Dienstleistungen. Dominique Jordan wurde 2018 zum Präsidenten gewählt und wird der FIP bis 2022 vorstehen. Jordan war von 2003 bis 2014 Präsident des Schweizer Apothekerverbandes pharmaSuisse.

Titelbild: (c) shutterstock / New Africa

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